Optikus-Atrophie Typ Kjer
Die autosomal dominant erbliche Optikusatrophie Typ Kjer (adOA) (OMIM 165500) ist eine der häufigsten hereditären Erkrankung des Sehnervs. Angaben zur Prävalenz reichen von 1:12.000 in Dänemark (Kivlin et al. 1983; Kjer et al. 1996) bis 1:50.000 (Lyle, 1990). Charakteristisch für die autosomal dominante Optikusatrophie ist der schleichende Erkrankungsbeginn im Kindesalter mit langsamer, manchmal schubweise verlaufender Progression, die sich klinisch in einer z. T. schwerwiegenden Reduktion der Sehschärfe, der Entwicklung von Gesichtsfeldausfällen (Skotomen), Farbsehstörungen (in der Frühphase zumeist eine Blau/Gelb-Sinn-Störung), einer messbaren Störung der Nervenleitung des Sehnerven und einer temporalen Abblassung der Papille äußert. Der Verlauf und die Ausprägung der adOA ist sowohl inter- als auch intrafamiliär stark variabel (Kline et al. 1979; Caldwell et al. 1971; Roggeveen et al. 1985).
1994 konnte ein erster Genlokus für die autosomal dominante Optikusatrophie Typ Kjer auf dem langen Arm des Chromosoms 3, 3q28-q29, lokalisiert und im Jahr 2000 das verantwortliche Gen (OPA1) in unserem Labor identifiziert werden. Das Gen kodiert für eine dynamin-verwandte GTPase, welche ubiquitär exprimiert wird (Alexander et al. 2000; Delettre et al. 2000). Im Rahmen von genetischen Analysen des OPA1-Gens von adOA-Patienten konnten in unserem Labor bis heute über 100 Mutationen identifiziert werden.
Detaillierte immunhistologische Analysen zur Expression des OPA1-Proteins im menschlichen Gehirn zeigten, dass OPA1 nicht nur in allen untersuchten Regionen des Gehirns exprimiert wird, sondern dass auch alle dort vorkommenden Zelltypen dieses Protein exprimieren (Bette et al. 2005). Bezüglich der Retina wurde eine OPA1-Expression in nahezu allen Nervenzellen mit Ausnahme der Photorezeptoren detektiert (Pesch et al.2004). Über die Funktion des OPA1-Proteins ist bisher nur wenig bekannt. Das OPA1-Protein scheint aber eine essentielle Funktion in der Aufrechterhaltung der Mitochondrienfunktion zu haben (Olichon et al. 2003, Misaka et al. 2002).

